Gerittenwerden und Reiten

HIPPOCAMPUS | PSYCHOLOGIE DES REITENS

Gedanken zur Psychologie des Reitens und Gerittenwerdens

Warum wahre Harmonie im Sattel bei der Selbsterkenntnis des Menschen beginnt und wie Pferde unsere inneren Impulse unbestechlich spiegeln.

Ohne Vermenschlichung: Die Körpersprache des Pferdes deuten

Viele Missverständnisse zwischen Reiter und Pferd ließen sich vermeiden, wenn wir uns besser in die Psyche des Pferdes hineinversetzen und seine Körpersprache unvoreingenommen deuten könnten – ganz ohne Vermenschlichung und ohne es aus rein menschlicher Sicht zu bewerten. Dies gilt für den Freizeit- und Therapiebereich ebenso wie für den Spitzensport.

Es ist bisweilen überraschend, wie viel Menschen mit den besten Absichten ihren vielgeliebten, wertvollen Pferden – für die sie bereit sind, viel Geld, Zeit und Energie zu opfern – unbewusst antun können. Im Beziehungsgefüge zwischen Mensch und Pferd wirken zahlreiche tiefgreifende psychologische Mechanismen, über die man ganze Bücher schreiben könnte.

Pferde spiegeln ihre Reiter

Genau dieses Wissen macht den Einsatz des Pferdes als Co-Therapeut in der Equitherapie möglich. Dank ihres hochentwickelten sozialen Gespürs sind Pferde in der Lage, unsere wahren Impulse feinstofflich wahrzunehmen. Sie spüren instinktiv, was jemand tatsächlich meint und fühlt – selbst dann, wenn sich der Mensch dessen in diesem Augenblick gar nicht bewusst ist.

Pferde registrieren versteckte Aggressionen und reagieren darauf unmittelbar. Sie spüren Unsicherheit, Dominanzstreben genauso wie echte Entspannung, Sicherheit und tiefe Zuneigung und spiegeln dies klar in ihrem eigenen Verhalten wider. Was in der therapeutischen Begleitung hochgradig erwünscht ist, kann im Sport für den Reiter bisweilen sehr konfrontierend sein.

„Pferd und Reiter verschmelzen so ineinander, dass man nicht weiß, wer den anderen erzieht!“
— Johann Wolfgang von Goethe

Wechselseitiges Bewegungsspiel: Eine Herausforderung für den Menschen

Unsere große Chance als Reiter besteht darin, Partner in jenem Bewegungsspiel zu werden, das Pferde artintern pflegen und das zu ihrem täglichen Lebensritual gehört. Schließlich muss ein Fluchttier sich permanent fit und beweglich halten. Vom Boden aus gelingt eine sinnvolle Kommunikation meist leichter, da wir dort mit beiden Beinen fest geerdet sind und nicht gleichzeitig gegen unsere eigene Koordination im Gleichgewichtskampf ankämpfen müssen.

Als körperorientierter Therapeut ist bekannt, wie komplex der psychomotorische Lernprozess für den Reiter ist. Es gilt, die eigene Asymmetrie (Rechts- oder Linkshändigkeit) zu überwinden, das eigene Körperschema neu zu eichen und sich harmonisch auf die Bewegung eines fremden Lebewesens einzuschwingen. Der Reiter muss lernen, instinktive Ängste vor ungewollten Bewegungen des Pferdes abzulegen und die Kontrolle bis zu einem gewissen Grad loszulassen. Fand eine innere Erstarrung statt, reagiert das Pferd darauf unweigerlich mit derselben Anspannung.

Gut reiten bedeutet vor allem: Sich selbst im Griff haben

Reiten lernen bedeutet daher immer auch, den konstruktiven Umgang mit Frustrationen zu üben. Pferde reagieren spürbar auf unser Unvermögen, sie in ihren Bewegungen störungsfrei zu unterstützen, oder wenn wir ihnen etwas aufzwingen wollen, das sie physisch oder mental noch nicht leisten können – bisweilen tun sie dies auf sehr heftige Weise.

Die Unzufriedenheit und Hilflosigkeit des Menschen manifestiert sich oft in der Suche nach vermeintlichen Abkürzungen (Reitsportgeschäfte sind voll von Hilfszügeln und ausgefallenen Gebissen). Wer jedoch wirklich gut reiten möchte, hat nur einen gangbaren Weg: An der eigenen Psychomotorik (Sitzschulung) und an der inneren Einstellung gegenüber dem Partner Pferd zu arbeiten.

Ein Pferd bewegt sich so, wie es sich fühlt

Wenn wir lernen, uns in das Wesen des Pferdes zu versetzen und nachzuempfinden, was es fühlt, können wir an seiner direkten Antwort ablesen, ob unser Handeln in Harmonie stattfindet. Wir spüren unmittelbar, ob sich das Pferd bei der gemeinsamen Arbeit (sei es in der Dressurprüfung, beim Freilaufen im Round Pen, beim Longieren oder im Gelände) wohlfühlt.

Wer die Körpersprache und die an bestimmte Haltungen gekoppelten Stimmungen versteht, erkennt exakt, wo Richtiges oder Falsches geschah. Es gilt, Verspannung, Entspannung und Anspannung feinfühlig zu unterscheiden sowie zu erkennen, wann Bewegungen fließen und wo sie blockiert sind.

Kurz gesagt: So wie sich ein Pferd fühlt, so bewegt es sich – und so wie es bewegt wird, so muss es sich auch fühlen. Dies lässt sich vom Boden aus sehen und im Sattel direkt erspüren. Die Grundvoraussetzung für diese Harmonie ist ein ausgeglichener psychischer Zustand des Pferdes, in dem es geistig und körperlich im Gleichgewicht ist. Bedauerlicherweise wird diese fundamentale Voraussetzung im Sport – selbst im Spitzensport – allzu oft vernachlässigt, weil viele „Experten“ verlernt haben, auf die äußeren Ausdrucksformen von Harmonie oder Dysharmonie zu achten.

Logo HippoCampus
Copyright HippoCampus: Alle Rechte vorbehalten.
Nichts dieser Website darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung von HippoCampus vervielfältigt, gespeichert oder veröffentlicht werden.

Share on Facebook

test

Instituut voor Equitherapie en Hippische Sportpsychologie

Leiding: Dr.Ulrike Thiel
De Bult 2, 6027 RG Soerendonk
06-51548351
e-mail: info@hippocampus-nl.com