Happy Athlete


HIPPOCAMPUS | PFERDEWOHL & PSYCHOLOGIE

Happy oder nicht Happy, das ist hier die Frage?

Erkennen, wie sich das Pferd fühlt: Der ewige Konflikt zwischen menschlicher Kontrolle und echter Zusammenarbeit.

Harmonie im Spitzensport und im Freizeitreiten

Im Spitzensport findet derzeit eine wichtige Diskussion statt: Die FEI und verschiedene Kommissionen beschäftigen sich intensiv damit, was man einem Sportpferd im Training abverlangen darf, ohne es vom „Happy Athlete“ zum „Unhappy Athlete“ zu machen. Durch die völlige Abhängigkeit des Pferdes von seinem menschlichen Partner werfen diese Fragen nicht zuletzt eine ethische Dimension auf, die Parallelen zum menschlichen Leistungssport aufweist – etwa wenn minderjährige Athleten durch ehrgeizige Berater in unverantwortlichen Leistungsstress getrieben werden (wie junge Turner, Schwimmer oder Eiskunstläufer).

Aber auch im Freizeit- und Hobbybereich sollten sich Reiter kritisch damit auseinandersetzen, woran sie das echte Wohlbefinden ihres Pferdes erkennen. Niemand, der sein Pferd als wahren Partner betrachtet – ob beim Ausritt, im Turniersport oder beim Westernreiten –, möchte schließlich mit einem unglücklichen Gefährten unterwegs sein, der sich unwohl fühlt oder bei jedem Reiten Stress erlebt. Für Dr. Ulrike Thiel ist die Frage des „Happy Athlete“ Teil eines größeren psychologischen Gefüges im Mensch-Pferd-Verhältnis, in dem sich das wiederkehrende Dilemma zwischen Kontrollbedürfnis und Partnerschaft widerspiegelt.

Lernen vom Therapie-, Schul- und Sportpferd

Für Dr. Ulrike Thiel ist die Befindlichkeit des Pferdes ein zentraler Faktor in der täglichen Arbeit. Ihre eigenen sieben, klassisch ausgebildeten Pferde leben in artgerechter Haltung und begleiten sie als Lehr-, Therapie- und Kurs- sowie ehemalige Turnierpferde. Als Equitherapeutin, Ethologin, Psychologin und Reitlehrerin hat sie sich auf psychomotorische Faktoren spezialisiert.

Dabei hilft ihr nicht zuletzt ihre langjährige wissenschaftliche Forschung zu menschlichen und tierischen Lernprozessen. Die Objektivierung des Begriffs „Harmonie“ liegt ihr besonders am Herzen. In ihrer Praxis beobachtet sie ihre Pferde nicht nur während der Arbeit, sondern vor allem in den Pausen: Wie kehrt das Pferd auf die Weide zurück? Lässt es sich bereitwillig zur Arbeit holen? Wie verhält es sich vor und nach dem Training am Putzplatz? Benötigt es nach dem Training auf der Weide überschießende Bewegung oder Aggressionen gegen Artgenossen, um sich abzureagieren? Zieht es sich zurück? All das lässt sich natürlich nur beobachten, wenn das Pferd nicht 24 Stunden am Tag in der Box verbringt.

Signale wahrnehmen, Missverständnisse vermeiden

Leider erlebt ein Reitschüler zu Beginn selten das Idealbild eines harmonischen, zufriedenen Pferdes unter dem Reiter. Meist sieht er Schulpferde, die sich mit dem Unvermögen wechselnder Anfänger arrangieren müssen. Nur wenigen Reitern ist es vergönnt, Pferde in der Herde zu beobachten und so ein inneres Bild eines zufriedenen Pferdes zu entwickeln. Auch im Sport – teils bis in den Spitzensport hinein – sieht man Bilder, die von Harmonie weit entfernt sind. So entstehen hartnäckige Missverständnisse darüber, wie ein glückliches Reitpferd tatsächlich aussieht.

Pferde spiegeln ihre Reiter

Dank ihres hochentwickelten sozialen Gespürs sind Pferde in der Lage, unsere wahren Impulse feinstofflich anzufühlen. Sie spüren instinktiv, was jemand meint und will – selbst wenn sich der Mensch dessen in diesem Augenblick nicht bewusst ist. Sie registrieren versteckte Aggressionen, Unsicherheit und Dominanzstreben genauso wie Entspannung und Zuneigung und spiegeln dies in ihrem Verhalten.

„Pferd und Reiter verschmelzen so ineinander, dass man nicht weiß, wer den anderen erzieht!“
— Johann Wolfgang von Goethe

Menschen neigen oft dazu, negative Signale des Pferdes als persönliche Abneigung oder Böswilligkeit zu deuten („er will nicht für mich arbeiten“, „er ist undankbar“). Zudem fällt es uns als kontrollierende Spezies schwer zu akzeptieren, dass ein Lebewesen niemals zu 100 % kontrollierbar ist.

Pferd und Raubtierinstinkt

Das Fluchttier auf dem Prüfstand: Warum Reiten gelernt sein will

Um sich in das Denken des Pferdes zu versetzen, müssen wir uns seine Natur vor Augen führen: Pferde sind Fluchttiere, die in hochkomplexen Sozialverbänden leben und durch Körpersprache kommunizieren. Biologisch gesehen ist ein Pferd nicht von Natur aus dazu geschaffen, geritten zu werden. Ein Gewicht auf dem Rücken signalisiert instinktiv „Panik Phase 2“ – das Raubtier ist gelandet, Flucht ist fehlgeschlagen, nun folgt Verteidigung.

Glücklicherweise machen uns die soziale Ader des Pferdes, seine Bereitschaft zum Bewegungsspiel und seine exzellenten motorischen Fähigkeiten es möglich, einen feinen Bewegungsdialog einzugehen. Jungpferde anzureiten ist daher nichts für Anfänger; es erfordert feinfühliges, methodisches Vorgehen statt Zwang und Druck.

 

Aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden bedeutet Stress

Ein Pferd gerät in psychischen und physischen Stress, wenn es durch falsches Reiten (Schmerzen im Maul, in den Rücken fallen, Klemmen mit den Beinen) oder unglückliche Hinhaltung aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Vergleichend gleicht dies einem Tennisspieler, der bei einem Ball auf dem falschen Bein steht.

Ein klassisches Beispiel ist der weggedrückte Rücken mit erhobenem Unterhals: In der Natur zeigt ein Pferd diese Haltung, wenn es Gefahr (wie einen Raubfeind) erblickt. Ist der Rücken dauerhaft weggedrückt, assoziiert das Nervensystem dies mit chronischem Fluchtstress und Alarmbereitschaft. Das Pferd kann sich weder entspannen noch optimal lernen. Körperliche Signale wie unregelmäßige Atmung, geweitete Augen, unruhiges Ohrenspiel und verändertes Schwitzen sind die deutliche Quittung.

Körperliche Signale des Wohlbefindens erkennen

Wer die feinen Nuancen des Pferdeausdrucks lesen lernt, erkennt sofort, ob ein Pferd entspannt ist oder unter Strom steht. Zu den wichtigsten körperlichen Indikatoren für echtes Wohlbefinden im Training gehören:

Über die Autorin: Dr. phil. Ulrike Thiel

Dr. Ulrike Thiel (geb. 1953) lebt als gebürtige Österreicherin in den Niederlanden, wo sie in Cranendonck das Institut für Equitherapie und Pferde-Sportpsychologie („HippoCampus“) leitet. Nach vielseitiger Praxiserfahrung in Dressur, Springen, Vielseitigkeit und der Arbeit mit sogenannten „schwierigen“ Pferden fundierte sie ihr Wirken durch ein Psychologiestudium und langjährige klinische sowie wissenschaftliche Tätigkeiten. Heute verbindet sie Psychologie, Psychomotorik und klassische Reitkunst, um Mensch und Pferd zu einer harmonischen Einheit zu führen.

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