Beziehungsarbiet mit dem Pferd


HIPPOCAMPUS | SERIE: DIE WELT AUS DER SICHT DES PFERDES

Beziehungsarbeit zwischen Pferd und Mensch

Fluchttier versus Raubtier: Wie wir Missverständnisse überwinden und vom Raubtier zum vertrauten Bewegungspartner werden. Ein Einblick von Dr. phil. Ulrike Thiel.

Fluchttier versus Raubtier I:

 

Menschen und Pferde sind in ihren Grundstrukturen so verschieden, dass Missverständnisse im Alltag vorrogrammiert sind. Wie man dennoch eine vertrauensvolle Beziehung aufbaut und den Übergang vom Raubtier zum Bewegungsspiel-Partner schafft, erklärt Buchautorin, Psychologin, Equitherapeutin, Dressurrichterin und Ausbilderin Dr. Ulrike Thiel.

 

 

Warum gibt es so viele Missverständnisse im Umgang mit Pferden?

Die größten Missverständnisse zwischen uns und dem Pferd rühren daher, dass sich beide Spezies in ihrer evolutionären Entwicklung, ihren Instinkten und ihren physiologischen Funktionen grundlegend unterscheiden. Das Pferd ist als Fluchttier konzipiert – der Mensch hingegen als Raubtier.

Wir Menschen machen oft den Fehler, das Pferd und seine Reaktionen aus unserer eigenen Perspektive zu betrachten und sein Verhalten durch unsere menschliche Brille zu interpretieren. Uns unverständliche Signale werden rasch als vorsätzliche Versuche gedeutet, uns zu schaden oder Grenzen zu testen. Wir neigen dazu, das Pferd zu vermenschlichen und ihm menschliche Motive anzudichten, während Pferde in Wahrheit nur eines wollen: So harmonisch wie möglich in ihrem sozialen Kontext funktionieren.

Zum Beispiel?

Wir erwarten von einem Pferd, dass es sich für uns anstrengt und „dankbar“ dafür ist, dass wir ihm Stall und Futter garantieren. Wir nehmen es ihm übel, wenn es vor einem harmlosen Gegenstand erschrickt, oder sind enttäuscht, wenn es auf dem Turnier nicht auf Knopfdruck funktioniert. Natürlich würden wir uns wünschen, dass das Pferd stolz auf eine Rosette ist oder es liebt, geritten zu werden – das sind jedoch rein menschliche Projektionen. Pferde haben ganz andere Grundbedürfnisse: ungestörte Sozialkontakte zu Artgenossen, artgerechte Haltung und naturnahe Fütterung.

Warum arbeiten sie trotzdem so gut mit uns zusammen?

Pferde besitzen ein tiefes Harmoniebedürfnis. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass der Mensch sehr erfinderisch darin ist, Hilfsmittel zu entwickeln, um das Pferd gefügig zu machen (wobei der Schlaufzügel nur ein Beispiel von vielen ist).

Man kann jedoch auch auf einer positiven, partnerschaftlichen Basis arbeiten. Da Pferde soziale Wesen sind, erleben sie die Interaktion als angenehm, wenn sie gute Erfahrungen mit dem Menschen machen. Sie erkennen uns als zwar artfremde, aber interessante Partner im Bewegungsspiel und sozialen Miteinander an. Gelingt es uns zudem, die biologische Rolle einer souveränen Leitpersönlichkeit einzunehmen, entlasten wir das Pferd von permanenten Fluchtentscheidungen und schenken ihm Sicherheit.

Was macht eine gute Vertrauensperson aus?

Vertrauen und Zuneigung hängen niemals von körperlicher Stärke ab. Auch das ranghöchste Leitpferd einer Herde ist selten das massivste Tier, sondern überzeugt durch Persönlichkeit, Klarheit und Verlässlichkeit. Dennoch müssen wir uns eingestehen: Egal wie sehr wir unser Pferd lieben – wir können die Herde und den Kontakt zu Artgenossen niemals ersetzen. Wir sind nicht der „beste Freund“ im pferdischen Sinne, aber wir können ein verlässlicher Partner im Bewegungsspiel und eine sichere Leitfigur sein.

Pferde spiegeln ihre Reiter & Ur-Instinkte im Sattel

Pferde besitzen die feine Fähigkeit, unsere körperlichen und mentalen Signale zu entschlüsseln – selbst dann, wenn diese nicht mit unseren Worten übereinstimmen. Sie spüren Angst, Unsicherheit oder verdeckten Druck unmittelbar. Verweigert ein Pferd beispielsweise ein Hindernis, liegt das oft schlicht daran, dass der Reiter im tiefsten Inneren lieber nicht springen möchte. Reiten ist daher immer auch Selbsterkenntnis.

Biologisch gesehen bedeutet es für ein Fluchttier in freier Wildbahn den sicheren Tod, wenn ein Raubtier auf seinen Rücken springt. Um diesen Ur-Instinkt zu überwinden, braucht es geduldiges, auf Vertrauen aufgebautes Training („Urvertrauen“), damit der Reiter nicht mehr als Bedrohung, sondern als sichernder Partner im gemeinsamen Bewegungsspiel erlebt wird.

„Es ist an uns, ob wir für unser Pferd ein Raubtier oder eine Vertrauensperson sein wollen.“
— Dr. phil. Ulrike Thiel

Buchtipps von Dr. Ulrike Thiel

„Die Psyche des Pferdes“ (Kosmos-Verlag, 2007)

Ein tiefenpsychologischer und ethologischer Blick auf das Wesen des Pferdes. Das Buch lädt dazu ein, sich in die Perspektive des Pferdes hineinzuversetzen: Wie denkt, hört und lernt es, und wie nimmt es uns Menschen wahr?

„Geritten werden“ (Kosmos-Verlag, 2012)

Beleuchtet die Frage, wie es sich für das Fluchttier anfühlt, geritten zu werden. Unter Berücksichtigung von Biomechanik und Trainingslehre erhalten Reiter wertvolle praktische Impulse, um vom bedrohlichen „Raubtier“ zum unterstützenden Tanzpartner zu werden.

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